Mein Unterricht
9. November 2008Die Sothis-Sprachschule liegt ca. 2 Kilometer vom Hotel entfernt in dem idyllischen Viertel von Puerto de la Cruz „La Paz“.
Obwohl man eine gute halbe Stunde laufen muss, lohnt sich der Spaziergang: schon früh um zehn flanieren Touristen die Gassen entlang. Ich geselle mich zu ihnen, genieße die Meerluft, komme an der kleinen Kirche des Ortes vorbei (Iglesia Nuestra Señora de la Pena de Francia) und klettere dann den „Ziegenweg“ nach oben (Camino de las Calabras).
Ein wenig versteckt liegt schließlich in der Calle Almácigo, direkt unterhalb des Botanischen Gartens, die Sprachschule. Die nette Señora am Eingang macht mir erst mal Kaffee, es sei doch recht kalt geworden, jetzt gegen Ende November. Nach diesem Anstieg läuft mir noch der Schweiß aus allen Poren und da ich erst vor ein paar Tagen aus dem nasskalten, ungemütlichen Deutschland angereist bin, wo es zwei Grad unter Null hatte, sage ich erst einmal nichts dazu.
Ich warte noch auf meine Mitschüler, ein Ehepaar aus Deutschland, sowie auf meine Lehrerin Janina und dann kann es los gehen. Obwohl ich anfänglich ein wenig holperig spreche und mich frage, ob ein „Medio“ Kurs für mein bisschen Schulspanisch wirklich passend ist, komme ich doch schnell mit und verstehe bald so gut wie alles.
Als Einstieg sprechen wir über „actualidades“, aktuelle Themen aus Spanien. Heute geht es um „violencia de género“, häusliche Gewalt gegen Frauen. Erst letzten Sonntag hat ein Fall Spanien erschüttert. Janina fasst kurz zusammen: Eine junge Frau trennte sich von ihrem gewalttätigen Freund, welcher aber nicht wahrhaben wollte, dass Schluss war. Er machte ihr über eine Fernsehsendung einen Heiratsantrag, den sie ablehnte. Kurz danach wurde ihre Leiche gefunden. Wir sind bestürzt. Spanien sei das Land in Europa, in dem die meisten solcher Fälle passieren: 68 von ihren Ex-Freunden ermordete Frauen im Jahr! Warum das wohl so ist? Jeder von uns macht sich seine Gedanken und versucht mehr oder weniger erfolgreich, sie auf Spanisch auszudrücken: ob es nun die Medien sind, die Schuld tragen, die Sensationsgier der Menschen oder doch die Erziehung zum Machísmo, wir wissen es auch nicht.
Als wir dieses interessante Thema abschließen, wenden wir uns einem nicht ganz so spannendem Thema zu: spanische Grammatik.
Auf Übungsblättern konjugieren wir vorerst unregelmäßige Verben im Präsens. Hier kommen mir doch wieder die drei Jahre staubtrockener Schulunterricht zugute: Ich tue mir nicht schwer, die Verben zu konjugieren. Danach machen wir weitere Übungen, setzen Wörter ein, übersetzen, üben und vertiefen unsere Sprachkenntnisse.
In den Übungen geht es um spanische Bräuche und Gewohnheiten – wir sprechen darüber, ob und wie sich diese von Deutschen unterscheiden.
Zum Abschluss gibt es noch ein weiteres Kapitel aus der Lektüre „Lola…“ Da es meine erste Stunde ist, müssen mir meine armen Mitschüler den Anfang der Geschichte erzählen. Gar nicht so einfach, aber nach ein paar Minuten habe ich einen Überblick. Lola, eine Detektivin, soll ihrem Ex-Freund helfen, den die Polizei beschuldigt, den Chef einer Werbefirma umgebracht zu haben und muss jetzt recherchieren.
Nachdem Uwe sehr ausführlich über die Geschehnisse berichtet hat, ist es leider zu spät um noch ein Kapitel zu hören: Die drei ersten gibt es noch mal auf Kassette, das vierte ist als Hausaufgabe zu lesen auf.
Ich denke, das Niveau passt für mich, sage ich zum Abschluss und freue mich schon auf die nächste Stunde.
Auf dem Weg nach unten komme ich wieder ins Schwitzen, doch diesmal, weil mir die Sonne auf den Rücken scheint. Zu meiner Freude entdecke in ein Einkaufszentrum mit vielen Boutiquen, aber mein Budget reicht heute nur für einen Block um meine Spanisch-Hausaufgaben zu machen. Tja.
Ich schlendere den Berg nach unten, dann in einer Seitengasse zum Meer in einer Fußgängerzone entlang, kaufe mir etwas zu essen und genieße die Sonne. Auch wenn die Leute es hier kalt finden – vor ein paar Tagen war ich noch zu Hause, wo es schon Schnee fällt, die Weihnachtsbeleuchtung bereits aufgehängt ist und meine Freunde jetzt in Wintermäntel, Mützen und Schals eingepackt zum Glühweintrinken gehen.
Es tut gut, sich das ins Gedächtnis zu rufen.
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